Man könnte es beinahe das Gonzalo Castro DFB-Pokal Halbfinale bezeichnen, immerhin hat er mit Bayer Leverkusen, VfB Stuttgart und Arminia Bielefeld bei drei von vier Teams gespielt.
Im ersten Teil des großen Interviews blickt Castro auf die zwei anstehenden Partien, ob sich Leverkusen eigentlich nur selber schlagen kann und was die Arminia entgegenzusetzen hat.
Aber der 37-Jährige analysiert auch was das Krisen-Duell zwischen dem VfB und RB entscheiden wird und warum man die schlechte Phase Sebastian Hoeneß nicht ankreiden sollte.
Video: Moderator Carsten Fuß und Tipp-Experte Marcel Niesner besprechen mit Pokalsieger Gonzalo Castro das DFB-Pokal Halbfinale VfB Stuttgart vs. RB Leipzig. (Quelle: YouTube / Wettbasis)
Gonzalo Castro über Stuttgart: „…deshalb sind sie Favorit“
Das zweite Pokalhalbfinale am Mittwoch lautet Stuttgart gegen Leipzig. Und das ist natürlich eine Auseinandersetzung von zwei kriselnder Topclubs. Aber natürlich ist es jetzt die große Chance, aus dieser Krise noch mal rauszukommen mit einem Sieg im Pokal. Sie haben beim VfB gespielt und kennen natürlich jetzt auch das, was Sebastian Hoeneß aktuell spielen lässt. Sind die der Favorit?
Castro: „Ja, weil sie halt zu Hause spielen. Deshalb denke ich, dass sie Favorit sind. Ich glaube, dass die Leipziger ein bisschen schwächeln, nicht ganz auf der Höhe sind.
Stuttgart jetzt durch die letzten zwei Spiele auch nicht, aber ich denke, dass die Stuttgarter da ein bisschen besser aufgestellt sind noch. Vor allem, weil sie zu Hause spielen.“
Jetzt ist es allerdings auch so, die letzten sechs Spiele hat Stuttgart nicht mehr gewonnen. Was stimmt da nicht?
Castro: „Ich will nicht sagen, dass da etwas nicht stimmt. Es war eine sehr, sehr lange und schwierige Saison. Aber man darf nicht vergessen, wo Sebastian Hoeneß angefangen hat. Da wären sie fast abgestiegen.
Er hat die Mannschaft in die Champions League geführt letzten Sommer. Die haben Champions League gespielt mit dem neuen Modus, mit sehr vielen Spielen, den Kader ein bisschen umgebaut, sehr junge Spieler dazu geholt.
Unter anderem Nick Woltemade, der jetzt heraussticht. Aber das ist auch seine erste Saison mit der Dreifachbelastung. Deniz Undav dazugeholt, auch neu mit der Dreifachbelastung.
Also man darf nicht vergessen, wo die Jungs herkommen und dafür machen sie es trotzdem noch gut. Die haben dieses Jahr, trotz Champions League und Mehrfachbelastung, nichts mit dem Abstieg zu tun, wie in den letzten Jahren.
Von daher, mit ein bisschen Glück vielleicht, wenn sie sich bisschen so eine kleine Serie aufbauen, dann schaffen sie es wieder international. Man darf nicht zu viel auf die Goldwaage legen und sagen okay, die haben jetzt seit sechs, sieben Spielen nicht gewonnen. Es ist sehr normal, dass die Jungs dann irgendwann so ein bisschen vom Kopf platt sind.“
Jetzt war allerdings die Entscheidung von Sebastian Hoeneß, Nick Woltemade draußen zu lassen, umstritten. Ich meine, der hat für die U21 getroffen, gegen Spanien übrigens. Und er lässt ihn draußen, weil er sagt: Naja, der ist platt. Man könnte auch argumentieren: Der hat einen Flow, lass den spielen.
Castro: „Ja, aber was wiegt mehr? Ich weiß nicht, wie Nick Woltemade körperlich drauf ist. Wenn er sehr anfällig ist für Verletzungen, weil er schon eine gewisse Größe hat und er nach 20 Minuten sich einen Faserriss holt, weiß ich nicht, was besser ist.
Klar, man weiß es vorher nie, aber wenn er sowas merkt und wenn er das mit dem Jungen abgesprochen hat, dass er von der Bank kommt, weil er gute Stürmer noch in der Startelf hat, dann ist das ein ganz nachvollziehbarer Zug.“
Es gibt Stimmen, die ihn als Woltemessi bezeichnen. Sehen Sie das auch so?
Gonzalo Castro: „Ein bisschen größer, aber auf jeden Fall ist es schon interessant, wo er herkommt. Er hat lange 2. und 3. Liga gespielt und hat immer stetig seinen Weg gemacht. Und jetzt in Stuttgart hat man einfach gesehen, was er für ein Talent hat.
Jetzt in den zwei Länderspielen mit der U21 hat er das nochmal bestätigt und Sebastian Hoeneß wollte jetzt am Mittwoch einen fitten Woltemade im Pokal haben, damit da irgendwie das Finale erreicht wird. Der ist im Moment der beste Stürmer bei den Stuttgartern, der trifft und der am besten spielen.
Und deswegen ist es klar, dass er von Anfang an spielt und vielleicht ein Törchen macht.“
Sie sehen ihn als Torschützen, aber braucht es noch ihren Ergebnis-Tipp.
Castro: „3:0.“
Gonzalo Castro über Pokalsieg: „Leverkusen kann sich nur selbst schlagen“
Wettbasis: Herzlich Willkommen zum DFB-Pokal Halbfinale, Gonzalo Castro. Da sind nun viele Vereine unterwegs, die Sie alle sehr gut kennen. Sie haben ein Pokalfinale gewonnen, zwei verloren. Was ist entscheidend in solchen Pokalspielen?
Gonzalo Castro: „Im Pokal sagt man immer, das ist der einfachste Weg um einen Titel zu holen. Man hat immer nur ein Spiel und dann so ein bisschen auch Losglück, was du dann kriegst in den Runden. Aber natürlich ist auch viel das Momentum.
Man kann halt die Mannschaft, die jetzt im Halbfinale ist, nicht vergleichen damit, wie sie im November oder Oktober gespielt haben. Aber es ist viel auch das Momentum und man muss auch viel seinen Kopf ausschalten. Wie jetzt Leverkusen, die am Dienstag in Bielefeld spielen.
Natürlich auf dem Papier ein leichterer Gegner, aber vom Kopf her ein viel, viel schwerer Gegner, als wenn ein Erstligist dastehen würde.“
Kopf ausschalten. Was meinen Sie konkret damit?
Castro: „Man sollte nicht denken, dass Bielefeld das Ding irgendwie abschenkt oder generell manche Vereine die neuzig Minuten abschenken. Man muss da schon sehr, sehr fokussiert sein. Man kann sehr schnell auch 1:0, oder 2:0 zurückliegen und dann läuft man 90 Minuten hinterher.
Man weiß, wie schwer sowas ist im Pokal, so ein Ergebnis wieder aufzuholen.“
Leverkusen ist jetzt unter den letzten Vier schon der klare Favorit. Können sie sich nur selber schlagen?
Castro: „Ja, das glaube ich schon. Definitiv. Also die Qualität die sie haben man, die sie sich in den zwei Jahren unter Xabi erarbeitet haben, da können sie sich auf jeden Fall nur selber schlagen.“
Ihre letzte Station war ja Arminia Bielefeld. Sie kennen die Atmosphäre auf der Alm. Sie kennen den Klub. Was können die tun, um diese Tatsache, dass Leverkusen haushoher Favorit ist, einfach Lügen zu strafen?
Castro: „Ein bisschen könnten sie davon profitieren, dass vielleicht Leverkusen schläfrig wirkt in den ersten paar Minuten. Sie haben es gegen Bremen gezeigt, wie man so ein Pokalspiel angeht, von der ersten Minute an, und dann sieht man auch, dass ein Erstligist sehr viele Probleme hat, in einem Spiel da wieder zurückzukommen.
Bielefeld hat das sehr, sehr gut gemacht. Sie waren aggressiv, haben jede Chance genutzt, die sie hatten in der ersten Halbzeit und so müssen sie auch ins Spiel gegen Leverkusen gehen.“
Wer gefällt Ihnen bei Bielefeld am besten? Also welche Spieler haben Sie jetzt zuletzt überzeugt?
Castro: „Ich würde keine konkreten Namen nennen, ich glaube das Kollektiv ist es einfach. Was der Trainer da im Kollektiv gebaut hat, das einfach verschiedene Schützen immer sehr torgefährlich sind. Das finde ich immer nochmal spannender, als wenn immer nur einer oder zwei herausstechen.
Ich glaube, dass sie als Mannschaft einfach sehr, sehr gut harmonieren und jetzt auch in der Drittliga-Saison auch sehr, sehr gut wieder zurückgekommen sind, aus der Phase, wo sie halt jetzt vor zwei, drei Jahren schon mal waren. Das finde ich viel beeindruckender als ein, zwei Namen mir rauszupicken.“
Aber tatsächlich ist es ja für einen Drittligisten jetzt nun wirklich der Wahnsinn, gegen den Double-Sieger der vergangenen Saison zu spielen. Das ist ja eine Aufgabe, wie kann man die denn, wie muss man die denn überhaupt angehen?
Castro: „Ich finde, die haben ja eigentlich nichts zu verlieren. Auf dem Papier steht Arminia Bielefeld gegen Bayer Leverkusen. Klarer Favorit ist Leverkusen und deswegen dürfen sie eigentlich ins Spiel gehen, ohne groß nachzudenken, weil Sie nichts zu verlieren haben.
Die haben schon sehr viel erreicht im Pokal. Die haben sehr viele gute Spiele gemacht. Und deswegen finde ich, dass sie das Spiel einfach vor allem zu Hause mit der Atmosphäre, mit den eigenen Fans, einfach genießen sollen und dann das Beste einfach aus sich rausholen sollen.
Wenn es am Ende klappt, dann klappt’s. Wenn’s am Ende nicht klappt, dann auch gut.“
Zuletzt war auch Ansgar Brinkmann da, vor dem letzten Pokal-Spiel. Kennen Sie den auch noch?
Castro: „Ja, aber ich habe nicht gegen ihn gespielt, glaube ich, er hatte da vielleicht schon aufgehört.“
Der ist natürlich auch glühender Bielefeld-Fan und er hat gesagt vor dem Spiel gegen Bremen, das ziehen die schon. Es sind ja solche Abende, die auf einmal irgendwas anzünden können.
Gonzalo Castro: „Ja natürlich, das ist Pokal, deswegen liebe ich diesen Modus auch. Ich glaube, es ist nur hier in Deutschland so dieser Modus, dass es nur ein Spiel ist. Weil da alles passieren kann über 90, 120 Minuten und wir haben schon sehr viele Pokalabende erlebt, wo man denkt, das kann doch nicht sein und dann ist es doch passiert.
Aber das macht den Fußball oder diesen Pokal so attraktiv, weil alles passieren kann. Und ich hoffe einfach, dass es Dienstag ein spannendes Spiel wird und dass wir ein sehr schönes Spiel sehen werden.“
Gibt es eigentlich beim TuS Roland Bürrig auch Pokalspiele, kommen Sie auch in die Europa League?
Castro: „Ja, so weit nicht. Ich glaube das wäre über den Mittelrheinpokal, wo man sich dann irgendwann für den DFB-Pokal qualifizieren kann, aber so weit schaffen wir es nicht.“
Ist Leverkusen ohne Wirtz eine Klasse schlechter? Sehen Sie das auch so?
Castro: „Es ist ein komplett anderes Spiel ohne Wirtz. Er ist einfach der Unterschied-Spieler über die Jahre jetzt in Leverkusen und hat es aber einfach auch bestätigt, dass er halt kontinuierlich auf einem guten Niveau ist und sich Saison für Saison immer mehr steigert und man merkt einfach, wenn er nicht spielt, ist es ein anderes Spiel bei Leverkusen.“
Jetzt braucht es noch einen Ergebnis-Tipp.
Gonzlo Castro: „1:2 nach neunzig Minuten.“
Vielen Dank an Gonzalo Castro!